September 2011

Von ungefilterter Leidenschaft und kleinen Träumen

Von Sigmund Dunker

NÜRNBERG - Es ist eine Mär, dass alle Radfahrer notorische Frühaufsteher sind. Holger Burkhardt dreht sich noch einmal um, als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster blitzen. Er ahnt noch nichts von der Aufregung, die ihn ein paar Stunden später befallen sollte. Burkhardts Tag beginnt um zehn Uhr mit einem ausgedehnten Frühstück, dann steigt er aufs Rad, 20 Kilometer, von Katzwang in die Nürnberger Innenstadt.

Für ihn ist das nicht mehr als ein „Warmwerden“ – vor dem 21. Altstadtrennen, vor seinem großen Auftritt. Groß nicht für den Profi Burkhardt, der Reifenabdrücke schon in China und Australien in den Asphalt drapiert hat, wohl aber für den Menschen Burkhardt, den 23-jährigen Studenten der Wirtschaftswissenschaften, der als Profi noch nie vor seinen Freunden und Verwandten in Nürnberg fahren durfte. Sie haben sich alle bereits am Hauptmarkt versammelt, ihr Blick wird später auf die Startnummer 82 gerichtet sein.

Schon als kleiner Steppke trat Burkhardt eifrig in die Pedale, bei der RSG Nürnberg erkannten sie rasch, dass er die Anlagen für eine Profikarriere mitbringt. Die guten Gene mögen dabei eine Rolle gespielt haben, immerhin sammelte Burkhardts Vater Dieter einst deutsche Meistertitel wie andere Briefmarken. Dass der berühmte Vater auch Ballast sein kann für die Karriere, hat Burkhardt, der für das Continental-Team Champion System fährt, früh lernen müssen. An diesem Tag macht er sich keinen Druck. Auf der Strecke wird er viele Fahrer wiedertreffen, die er schon seit Jugendtagen kennt. Viele bewegen sich auf seinem Niveau, Kampfansagen verkneift sich Burkhardt lieber. Um 14.15 Uhr nimmt auch bei ihm die Anspannung zu.

Er steht im Fahrerlager am Augustinerhof und nestelt nervös an seinem Rad. Burkhardt hat sich entschlossen, auch noch am Dernyrennen teilzunehmen, zusammen mit einem Belgier, der auf seiner Schrittmachermaschine das Tempo für ihn vorgibt. „Ich bin noch nie ein Dernyrennen gefahren“, räumt Burkhardt ein – und auch, dass „die Aufregung größer geworden ist, seit ich hier in der Innenstadt bin“. Beim Eliterennen, sagt er, wird viel vom Glück abhängen, auch davon, im richtigen Moment die richtige Ausreißergruppe zu erwischen.

Burkhardt kann sich nicht auf seine Mannschaft verlassen, er fährt mit anderen Profis in einem deutsch-schweizerischen Mix-Team. „Ich erwarte ein nervöses, unkontrollierbares Rennen“, sagt er noch, dann muss er zum Start. Die Dernys brettern los – und Burkhardt saust seinem Schrittmacher hinterher. Das Tempo ist hoch, sehr hoch. Nach 36 Minuten am Limit kommt Burkhardt als Zweiter ins Ziel. Er wirkt erschöpft, das Rennen hat Kraft gekostet. Ihm bleiben nicht mehr als zehn Minuten bis zum Start des Eliterennens. Kann das gutgehen? Drei, vier Runden fährt der Nürnberger noch im großen Feld mit, dann steigt er aus.


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Holger Burkhardt (links) freut sich doch noch über seinen 2. Platz im Dernyrennen hinter dem Sieger Sebastian Körber.

Spitzengruppe harmonierte bestens
Die Startnummer 82 erlebt nicht mehr, wie nach gut der Hälfte des Rennens ein italienischer Fahrer stürzt und das Altstadtrennen erstmals in seiner langen Historie unterbrochen vulgo neutralisiert werden musste. Er bekommt auch nur am Rande mit, dass sich eine dreiköpfige Spitzengruppe gebildet hat. Helmut Trettwer, Leif Lampater und Alexander Krieger harmonieren perfekt, sie bauen ihren Vorsprung kontinuierlich aus.

Es sind drei Namen, die den meisten der offiziell nur 30000 Zuschauer nichts sagen. Drei Namen, die – wenn man gemein sein möchte – den Niedergang des traditionsreichen Rennens verkörpern, das einst die Superstars der Szene anlockte. Augenfällig ist aber auch, wie diese Sportler es lieben, in Nürnberg zu fahren, wie sie bis zum Äußersten gehen.

Das Altstadtrennen mag Glamour verloren haben, selten war das Fahrerfeld allerdings auch so jung und ambitioniert. Bis zum Schluss bleibt das Trio beisammen, Trettwer, der stärkste Kletterer, setzt auf den Burgberg in der letzten Runde. Seine Taktik geht auf, dem Antritt des Oberbayern vom Team Baier Landshut ist weder Lampater (Team Irschenberg) noch Krieger (Team Heizomat) gewachsen. „Die Situation war günstig für mich, denn ich wusste, dass ich am Berg Vorteile habe. 450 Meter vor dem Ziel bin ich angetreten. Es ist grandios, hier zu gewinnen, die Stimmung am Burgberg war famos“, jubelte Trettwer, der seine beiden Konkurrenten im Ziel am Vestnertor um fünf Sekunden distanziert hatte.

Burkhardt hatte damit nichts mehr zu tun. Als er das Podium betritt, um sich für den zweiten Platz im Dernyrennen ehren zu lassen, wirkt er ein bisschen so, als wüsste er nicht, ob er sich wirklich darüber freuen solle. „Auf dem Podium zu stehen, das wäre ein Traum“, hatte er vor dem Altstadtrennen gesagt. Jetzt jubeln sie ihm zu, aber nicht für das Rennen, das er eigentlich im Sinn gehabt hatte.

„Ich habe das Dernyrennen etwas unterschätzt. Ich musste 150 Prozent geben, um vorne dabei zu sein zu können.“ Der Preis, den er dafür bezahlte, war hoch. „Ich hatte mich gar nicht erholt und merkte früh im Eliterennen, dass für mich nichts mehr geht.“ Burkhardt lächelt. Nürnberg, meint er, habe ihm trotzdem viel gegeben. Und nun? „Ich bin ziemlich kaputt, wir werden noch schön Essen gehen, mehr ist heute nicht mehr drin.“ Er blickt hinüber zu seinen Freunden, zu seiner Familie. Sie haben Blumensträuße für ihn mitgebracht.

Siegmund Dunker, Nürnberger Zeitung 05.09.2011